Geschichte der Apotheken am Markt


1997 wurde die vom 2. Weltkrieg zerstörte Marktwestseite wieder bebaut. In Vorbereitung auf die Eröffnung einer Apotheke in der neuen Marktpassage überlegten wir, welchen Namen sie tragen sollte.

Wir kamen schnell auf "Rats-Apotheke", weil sie direkt neben dem Rathaus liegen würde. Vielleicht auch, weil das Wort Rat enthalten ist und wir es uns zum Ziel gesetzt hatten, ganz besonderen Wert auf die Beratung zu legen. Nachdem wir den Namen veröffentlicht hatten, meldete sich ein Kritiker. Sie müsste "Hofapotheke" heißen, da diese früher dort gestanden hätte. Das war der Anlass, sich genauer mit der Geschichte der Apotheken am Jenaer Marktplatz zu beschäftigen.

Es ist eine spannende und teils amüsante Geschichte. Wir fanden heraus, dass die Apotheker früher, genauso wie heute, mit starker Konkurrenz, mit Wundermittel-verkaufenden Scharlatanen, viel Bürokratie und  der Gesetzgebung der Oberen zu kämpfen hatten.

Im Folgenden schildern wir die Geschichte der Apotheken am Jenaer Markt, wie wir sie aus dem Buch "Die Geschichte der Apotheken in Jena" von Dr. Herbert Koch (1927) kennen.   Ergänzt wurde sie durch persönliche Gespräche mit dem ehemaligen Rats-Apotheker Herrn Rönnefarth im Jahr 1997 und mit einem Nachfahren der Hof-Apothekerfamilie Stütz, Herrn Bernd Stütz, im Jahr 2017. Außerdem haben uns viele freundliche Menschen ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Verwandtschaftsbeziehungen zu den Apotheken und Apothekern am Jenaer Markt mitgeteilt und sogar alte Arzneimittelbehältnisse und Werbegaben mitgebracht.

Warum wir beim Namen "Rats-Apotheke" geblieben sind? Das erfahren Sie am Ende unserer Geschichte!


Die erste Jenaer Apotheke

Die erste Apotheke im alten Jena wurde um 1550 von Apotheker Gmunder Unterm Markt (seit 1810 Weimarischer Hof) eröffnet.

Er erhielt vom Stadtrat ein Exklusivprivileg, das ihn als Einzigen in Jena berechtigte, eine Apotheke zu führen und ausländischen Wein auszuschenken. Außerdem wurde er von Bürgerpflichten, wie z.B. dem lästigen Wachdienst, enthoben. Dafür musste er die Arzneien nach einer festen „Taxe“ abgeben und sich einmal jährlich vom Medizinprofessor Schroeter überwachen lassen.

Bei einer solchen Visitation kam es zum Streit. Apotheker Gmunder schlug Professor Schroeter zu Boden. Dieser errichtete daraufhin, entgegen dem Privileg, in der Löbdergasse eine eigene Apotheke. 1562 kaufte der Apotheker Fichte beide Apotheken und legte sie zusammen. Sie wurde allerdings 1601 geschlossen.

Professor Johannes Schroeter (1513-1593)

erster Rektor der Universität Jena



Die Rats-Apotheke

1596 eröffnete der Apotheker Clemens am Markt 13 die Rats-Apotheke. Der Apotheker Johann Hoffmann führte sie seit 1659 weiter und ließ sich vom Herzog Johann Ernst von Sachsen ein erweitertes Privileg ausstellen, welches ihm eine klare Monopolstellung zusicherte: Er allein durfte in seiner Apotheke „Kräuter, Blumensamen, Wurzeln, Rhabarber, Sennesblätter...“ verkaufen. Zuwiderhandlungen wurden mit 20 Reichstaler Strafe belegt. Somit geriet er in einen langen Streit mit den Krämern, die sich damit um ihre Existenz bedroht sahen und beim Herzog solange vorstellig wurden, bis dieser das Privileg wieder einschränkte. Hoffmann begleitete viele Jahre das Amt des regierenden Bürgermeisters und des Stadtrichters.



Die Hofapotheke

Der Apotheker Zeidler bemühte sich am Ende des 17. Jahrhunderts, eine weitere Apotheke zu eröffnen. Dem stand zunächst das Privileg der Rats-Apotheke entgegen. Mit einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung zu dieser Zeit bot sich ihm aber eine andere Möglichkeit der Verwirklichung einer Apothekengründung.

Um 1672 richtete Herzog Bernhard einen umfangreichen Hofstaat mit 150 niederen Hofbedienten, ca. 30 höheren Hofbeamten und ca. 100 Soldaten ein. Auch in Jena folgte man dem Beispiel anderer Residenzstädte: So gab es bald einen Hofbäcker, Hofböttcher, Hofbarbier, Hofschlosser, Hoftischler, Hoftöpfer etc.. Sie traten in den unmittelbaren Dienst des Hofes. Die Gerichtsbarkeit in Jena wurde verwickelter und undurchsichtiger:

„In Jena befinden sich dreierlei Bürger, nämlich erstens die unter höfischer, zweitens unter akademischer und drittens unter des Stadtrats Rechtssprechung stehen und alle insgesamt ihren Erwerb allhier haben, auch handeln und wandeln.“

So erlaubte 1696 der Herzog Johann Wilhelm dem Apotheker Zeidler am Markt 3 die Hofapotheke zu eröffnen. Dabei wurde formal das Privileg der Rats-Apotheke nicht angetastet, da die neue Apotheke dem Hof des Landesherrn und nicht der Stadt Jena unterstellt war.

Jenaer Markt mit der Hofapotheke (oben Mitte-Rechts mit dem Erker) im Jahr 1715


Die Universitäts-Apotheke

Ein ehemaliger Lehrling von Zeidler, der Apotheker Voigt, wollte 1700 eine eigene Apotheke gründen. Einer zweiten, der Stadt Jena untergeordneten Apotheke, stand das Privileg der Rats-Apotheke entgegen und einer zweiten Hofapotheke hätte der Herzog kaum zugestimmt. So ersuchte Voigt bei der Universitätsleitung um Erlaubnis, eine Universitätsapotheke gründen zu dürfen, was ihm 1701 erlaubt wurde. Sie wurde später auch als „Mohrenapotheke“ bezeichnet, da sie an der Außenseite als Zeichen einen Mohrenkopf trug.


Hofapotheker Wilhelmi und Herzog Carl August

1767 übernahm der Apotheker Wilhelmi die Hofapotheke. Er war mit dem Herzog Carl August befreundet. Dies hinderte sie nicht, sich gegenseitig derbe Streiche zu spielen:

„So erschien eines Morgens der Fürst vor seiner Apotheke und nötigte ihn, ein Stückchen mitzufahren, obwohl er nur mit Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmütze bekleidet war. Im Mühltale ließ der Herzog dann halten, und der Hofapotheker mußte in seinem eigenartigen Kostüme zum Gaudium der Straßenjugend den Heimweg zu Fuß zurücklegen. Freilich blieb Wilhelmi die Antwort nicht schuldig. Als wenig später Carl August bei ihm seinen Ausflug zu Pferd unterbrach, kredenzte ihm der Hofapotheker einen Erfrischungstrunk, der bewirkte, daß der Herzog schon an der Oelmühle zum ersten Male und dann noch wiederholt vom Pferde steigen mußte! Ein andermal folgte er einer Einladung zu einem Hofmaskenballe gegen die Wette, daß ihn niemand erkennen werde; Carl August aber ließ ihm durch einen Bedienten des Gasthofes, in dem sich Wilhelmi umzog, einen großen Zettel mit seinem Namen auf den Rücken heften, so daß natürlich jeder sofort wußte, wer es war.“ 

 Carl August (1757-1828)

Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach



Drei Apotheken sind eine zu viel

1828 stellte man bei einer Kontrolle der drei Jenaer Apotheken in der Universitätsapotheke erhebliche Mängel fest:

„Diese Apotheke bedarf wesentlicher Verbesserungen. Das Haus entspricht nur unvollkommen den Bedürfnissen, die Offizin ist mehrerer Verbesserungen bedürftig, sie ist kalt und feucht, unverhältnismäßig sehr tief und im Hintergrunde sehr wenig vom Tageslicht erhellt. Repositorien und Standgefäße sind z. T. veraltet, die Kräuterkammer fehlt ganz, das Laboratorium ist in übler Verfassung, sehr baufällig, nicht geräumig genug und sehr dunkel.“

Die Situation besserte sich nicht und 1834 kauften schließlich der Rats-Apotheker Bartel und die Hofapotheker Rittler und Osann die Universitätsapotheke für 8000 Taler und liquidierten sie. Die Universität gestattete die Schließung, behielt sich jedoch vor, gegen Entschädigung der Käufer die Universitätsapotheke wieder zu eröffnen.

Jenaer Markt mit der Hofapotheke 1847

(im Haus in der Mitte mit dem Erker)



Die Hofapotheke im 19. und 20. Jahrhundert

Jenaer Markt mit Hofapotheke (ganz rechts) um 1880

 

1857 übernahm der Apotheker Dr. Mirus die Hofapotheke, weshalb sie auch später Mirus´sche Hof-Apotheke genannt wurde.

Ihm folgte 1869 der Apotheker Reinhold Stütz. Mit seiner Frau Ida bekam er einen Sohn Otto und eine Tochter Therese. Als Otto zwei Jahre alt war, starben beide Eltern. Sein Onkel Eduard Stütz, der Bruder von Reinhold Stütz, wurde sein Vormund. So pachtete Eduard Stütz ab 1883 die Hofapotheke, bis er sie seinem Neffen Otto Stütz 1903 übergeben konnte.

 

Jenaer Markt mit Hofapotheke im Jahr 1902


Seit dem Ersten Weltkrieg stellte Otto Stütz in der Hofapotheke unter anderem Medikamente gegen Syphilis nach der Rezeptur des bekannten Jenaer Hautarztes Dr. Wiesenack her. Die beiden vertrieben ihre Produkte unter dem Namen „Jenapharm“, den sie patentieren ließen. Allerdings verbrannte das Patentoriginal bei einem der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Und so nutzte die DDR den Namen Jenapharm für ihren Volkseigenen Betrieb (VEB), der Arzneimittel in Jena herstellte und weltweit Bekanntheit erlangte.

Die Hofapotheke stellte auch Mineralwasser und Limonaden her. Der Hausmeister der Hofapotheke, der zugleich Türmler der Stadtkirche St. Michael war, lieferte die Flaschen mit einem Karren aus. Die Getränke waren eine beliebte Erfrischung an heißen Sommertagen auf dem Markt.

Mineralwasser- und Medizinflaschen


1943/1944 übernahm Dr. Herbert Stütz die Apotheke von seinem Vater Otto. Beide mussten drei Bombenangriffe miterleben, die am Ende des Zweiten Weltkrieges die Marktwestseite neben dem Rathaus komplett zerstörten. Damit gingen auch der historische Innenhof und das Hintergebäude zur Rathausgasse mit der Bausubstanz der ehemaligen Heilpflanzen- und Kräuterschule des Nonnenklosters verloren. Otto Stütz berichtete, dass die Feuerwehr des Carl-Zeiss-Werks nach dem schweren Bombenangriff am 9. Februar 1945 löschbereit vor den brennenden Gebäuden stand. Doch der Befehl „Wasser marsch“ blieb wegen der Aussichtlosigkeit aus.

 

Dr. Herbert Stütz blieb vielen Jenaern in Erinnerung, da er einen Bombentreffer schwerverletzt überlebte. Als er mit seiner Belegschaft den Luftschutzkeller aufsuchen wollte, schlug ihm eine Stichflamme aus dem explodierenden Ätherkeller entgegen, ausgelöst durch eine Brandbombe. Er erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen.

 

Die Hofapotheke vor 1945

zerstörte Hofapotheke 1945


Nach seiner Genesung besaß Dr. Stütz zwar die Erlaubnis zum Betrieb einer Apotheke, aber kein Gebäude mehr. In der Engeldrogerie von Johannes Röhr fand die Hofapotheke am Holzmarkt ihr neues Zuhause. 1953 wurde sie wegen des „nicht zeitgemäßen“ Namens in „Marktapotheke“ umbenannt.

Im gleichen Jahr flüchtete Dr. Herbert Stütz mit seiner Familie wegen zunehmender Repressalien des DDR-Regimes in den Westen. In Essen baute er sich mit der Schwanhilden-Apotheke eine neue Existenz auf, die heute in der fünften Generation der Familie Stütz geführt wird.

Marktapotheke in der Engel-Drogerie


Die Gebäude am Jenaer Holzmarkt mussten der Verbreiterung des Thälmannrings (heute Löbdergraben) weichen. Deshalb zog die Marktapotheke 1960 in die neu erbauten Räume in der Weigelstraße und wurde dort mit neuem Namen als "Goethe-Apotheke" eröffnet.

Goethe-Apotheke in der Weigelstraße



Die Rats-Apotheke bis 1970

Die Rats-Apotheke wurde 1864 zum Kreuz 4 verlegt.

1884 erhielt der Apotheker Warburg, Inhaber der Rats-Apotheke, den Titel „Großherzoglich-sächsischer Hofapotheker“. So kam es für die folgenden Jahre zu dem eigenartigen Umstand, dass es neben der „Hofapotheke“ auch noch die „Rats- und Hofapotheke“ gab. Der 1895 nachfolgende Apotheker Dütschke durfte sich aber nicht mehr Hofapotheker nennen und musste den Zusatz „Hofapotheke“ am Haus wieder entfernen.

Ab 1923 führte der Apotheker Bosse die Rats-Apotheke. Seine Ausbildung begann er in der Hofapotheke in Gotha. Nach Pistolenschüssen auf königliche Gipsbüsten musste er Gotha jedoch wegen Majestätsbeleidigung verlassen und wurde in Stadtroda Inhaber einer Apotheke. Später kam er nach Jena, heiratete Dütschkes Tochter und betrieb dann die Rats-Apotheke. Sie brannte am 19. März 1945 beim gleichen Bombenangriff wie die Hofapotheke völlig aus. Der inzwischen 73-jährige Bosse fand dennoch Mut und fing übergangsweise am Spittelplatz (Saalbahnhofstraße 25) in der 2. Etage neu an. 1949 verlegte er die Rats-Apotheke in die Johannisstraße 6a. Nach Bosses Tod wurde sie 1952 verstaatlicht und der Apotheker Rönnefahrt  als staatlicher Leiter benannt. 1970 wurde die Rats-Apotheke abgerissen, um Platz für das Zeiss-Forschungshochhaus (jetzt Jentower) zu schaffen.

Die Hof- und Rats-Apotheke am Kreuz


Dr. Richard Dütschke mit Ehefrau

Kruke der Rats-Apotheke

Spielzeug der Rats-Apotheke als Zugabe


Die Rats-Apotheke im Jahr 1927

(links im Bild, rechts die Stadtkirche)

Trümmerhaufen der Rats-Apotheke im Jahr 1945

(links im Bild, rechts die Stadtkirche)


Johannisstraße mit Rats-Apotheke (links im Bild)

Rats-Apotheke in der Johannisstraße im Jahr 1965

Medizinflasche der Rats-Apotheke

in der Johannisstraße



Pläne der DDR, die Innenstadt neu zu gestalten



Die neue Rats-Apotheke in der Marktpassage

1997 wurde die vom Krieg zerstörte Marktwestseite als „Marktpassage“ wieder bebaut.

Am 8. Dezember 1997 eröffnete Apotheker Leander Knorre die Rats-Apotheke am „Markt 2“ Ein Jahr später wurde das Einzelunternehmen in die Knorre & Bartsch oHG umgewandelt. 2003 trat Apothekerin Gunilla Bartsch aus und die Mutter von Leander Knorre – Apothekerin Adelheid Knorre – ein. Sie kennt noch die alte Rats-Apotheke in der Johannisstraße aus ihren ersten Berufsjahren. Die Rats-Apotheke firmierte nun als Adelheid & Leander Knorre oHG.

Seit 2013 führt Apotheker Leander Knorre die Rats-Apotheke als alleiniger Inhaber weiter. Seine Mutter steht ihm aber weiter zur Seite.

 

Und warum behielten wir den Namen „Rats-Apotheke“ bei?

Die Rats-Apotheke hatte ihre Heimat schon am Markt 13, am Markt 14, am Markt 8, am Kreuz 4, in der Saalbahnhofstraße 25 und in der Johannisstraße 6a.

Die Rats-Apotheke wurde also fünfmal an jeweils anderer Stelle wiedereröffnet. So führten wir diese Tradition weiter, an einem Standort, an dem die Hofapotheke nie war, an dem aber die Rats-Apotheke so nah wie noch nie an ihrem Namensgeber - dem Rathaus - ist!

Leander Knorre zur Eröffnung 1997

Adelheid und Leander Knorre im Jahr 2003